Graf Öderland – Programmheft

GRUSSWORT DER REGISSEURIN

Liebe Zuschauerin, lieber Zuschauer,
ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich mich unglaublich freue, Sie heute hier – in Präsenz – begrüßen zu dürfen; vor allem, weil Sie den Weg trotz Umständlichkeiten wie Voranmeldung, Nachweisen und Schnelltests zu uns gefunden haben.
Vor genau einem Monat erhielten wir die Nachricht, wieder in der Schule proben zu dürfen. Eine Woche später standen die Aufführungstermine fest sowie die Entscheidung, dass dies alles live, nicht als Livestream, stattfinden wird.
Entsprechend hektisch verliefen die letzten Wochen für uns, aber dazu später mehr.
Die Corona-Pandemie zwang die meisten von uns dazu, ihren Alltag zu pausieren. Man hatte auf einmal Zeit – um Bananenbrot zu backen, den Garten auf Vordermann zu bringen und Stoffmasken zu nähen.
Der Alltag wurde vermisst, herbeigesehnt – und als wir ihn wiederhatten, war er wieder das, was ihn ausmacht: gewohnt und oft eintönig.
Für den einen oder die andere war das Alltägliche jedoch mehr Gewöhnungssache als vertraut-gewohnt; die Pause wurde genutzt, um innezuhalten, zu reflektieren. Will man so tatsächlich weiterleben?
Ähnlich geht es dem Staatsanwalt Martin, dessen Intention anfangs die gleiche war; er wollte das Öde hinter sich lassen und zu leben beginnen. Dies tut er, auf äußerst fragwürdige Art und Weise.
Sollte man sich nun von Graf Öderland, der sich mit seiner Axt Freiheit verschaffte, inspirieren lassen? Mit den Reden, die er hält – über unsere Leistungsgesellschaft, ständigen Zeitmangel und soziale Zwänge – werden Sie sich durchaus identifizieren können.
Wenn dem tatsächlich so ist und Sie auch beschließen, aus Ihrem Alltag auszubrechen, wenigstens ein bisschen – greifen Sie nicht zur Axt, sondern ergreifen Sie lieber das Wort.

Ich wünsche Ihnen einen spannenden Theaterabend.


Kleiner Vorgeschmack gefällig?


Das Stück

Inspiriert zu dieser „Moritat in zwölf Bildern“ wurde der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911 – 1991) durch zwei Zeitungsartikel. Beide Artikel berichteten von als „nüchtern“, „beherrscht“ oder „brav“ beschriebenen Männern. Einer von beiden verschwand plötzlich und wurde gesucht. Den Fundort seiner Leiche nahe einem See sah angeblich ein Hellseher hervor. Todesursache: Selbstmord durch die Kugel. Der zweite Mann erschlug seine ganze Familie mit einer Axt, könne laut eigener Aussage für diese Tat jedoch keinen Grund angeben. 1946 verfasste Frisch seine erste Prosaskizze; 1951 wurde das Stück in Zürich uraufgeführt und erlebte einen gewaltigen Misserfolg. Frisch bezeichnete „Graf Öderland“ dennoch als das Stück, welches er am geheimnisvollsten finde und am liebsten habe. 1

Ein gewissenhafter Bankangestellter erschlägt aus heiterem Himmel einen Hausmeister mit einer Axt.
Warum? Das weiß er selbst nicht, und auch sein Strafverteidiger kann beim besten Willen kein Motiv finden.
Ausgerechnet der Staatsanwalt Martin, der im Gerichtsprozess des Mörders eigentlich dessen Gegenspieler sein sollte, hat Verständnis für die Tat des Mannes: Er fasst sie als Rebellion, als Ausbruch aus dem Alltag auf.
Denn auch der Staatsanwalt ist unzufrieden mit seinem immer gleichen Leben und will nun etwas ändern – als er von der Legende des Grafen Öderland hört, der mit der Axt in der Hand alle tötet, die sich seinem Anspruch auf Freiheit entgegenstellen, ist plötzlich klar: Er wird diese Legende leben.
Hinter dem Grafen als Leitfigur versammeln sich immer mehr Anhänger*innen und ein allgemeiner Aufruhr entsteht, der schließlich Ausmaße annimmt, die wohl niemand für möglich gehalten hätte.


Über uns

Alle Mitglieder der Theatergruppe

Theater von Schülerinnen und Schülern hat in Grimma eine lange Tradition. Einst gründete Deutschlehrer Jens Richter die Theatergruppe “Die Ponys”, welche sich nach seinem Schulwechsel erstmalig der Herausforderung stellte, ein Theaterstück ohne Anleitung einer betreuenden Lehrkraft auf die Beine zu stellen. Das Projekt glückte – und wurde wiederholt, Jahr um Jahr, bis heute, da wir in der 7. Generation sind.
So entstand eine neue Tradition, nämlich die des Schüler*innentheaters in Eigenregie am Gymnasium St. Augustin in Grimma. Der oder die Regisseur*in ist eine*r von uns – weshalb unsere Gruppe von einer besonders lockeren, freundschaftlichen Atmosphäre geprägt ist.
Die Konstellation der Gruppenmitglieder ändert sich durch Schulabgänger*innen und Neuzugänge jedes Jahr und ist somit immer einzigartig und schafft eine gewisse Dynamik; Stagnation und fehlende Inspiration sind bei uns fehl am Platz.
Es ist unser gemeinsames Ziel, das Stück, welches wir anfangs demokratisch wählten, am Schuljahresende drei Mal erfolgreich aufzuführen und somit wiederum eine Basis für die nächste Generation Theaterliebhaber zu schaffen, auf dass diese Tradition noch lange fortgeführt wird.


Proben in Zeiten von Corona

Ein ganzes halbes Jahr – in Zeiten des Lockdowns während einer Pandemie eine halbe Ewigkeit, für eine Theatergruppe sogar eine ganze. Denn so lange waren wir gezwungen, im Digitalen zu proben.
Zunächst ein kleiner Rückblick: „Frühlings Erwachen“, das im Jahr 2019/2020 unter Leitung von Vincent Voigt einstudiert wurde, fiel wie die meisten anderen Veranstaltungen auch der Corona-Pandemie zum Opfer.
Im neuen Schuljahr 2020/21 keimte frische Hoffnung. Wir trafen uns sogleich, wählten „Graf Öderland“ und durften von September bis Anfang Dezember in gewohnter Ordnung im St. Augustin proben. Es war doch ein seltsames Gefühl, als wir gemeinsam beschlossen, Stoffmasken zu tragen, um die Ansteckungsgefahr zu mindern. Dies währte nicht lange, dann begann der Lockdown.


Wir, gebrannte Kinder, fürchteten, dass dies eine Weile andauern könnte, und so erstellten wir einen Server auf „Discord“, einer Plattform, die ursprünglich zur Vernetzung von Gamern konzipiert wurde. Dort trafen wir uns jeden Montag von 18 bis 20 Uhr.
Anfangs versuchten wir, die Szenen am Computer durchzusprechen. Als wir bemerkten, dass dies aufgrund von Internetproblemen – es ist schließlich für uns alle Neuland – vor allem bei 4G auf dem Dorf schlichtweg nicht möglich war, überlegten wir uns eine andere Methode: Um den Text zu üben, sollten die Schauspieler*innen ihre eigenen Passagen lernen und die anderen Parts in der Szene mit dem Handy aufnehmen. Sie reagierten dann auf die eigenen stimmlichen Interpretationen der anderen Rollen und filmten sich dabei. Die Auswertung dieser Videos nahm einen Großteil der digitalen Treffen in Anspruch, bewies sich jedoch als sehr effektiv.
Ab und zu gesellten sich Ehemalige zu uns, die verschiedenste Stimm-, Spiel- und Sprechübungen mit uns durchführten, um etwas Abwechslung hereinzubringen.
Das Faszinierende: Während dieser sieben Monate zerfiel unsere Gruppe nicht – sie wuchs stärker zusammen. Plötzlich waren alle gleichzeitig miteinander im Gespräch, statt dass sich in kleine Grüppchen aufgeteilt wurde, es wurde niemand abgeholt oder musste zum Bus (höchstens zum Abendbrot), wodurch wir oft noch länger als bis 20 Uhr online blieben, miteinander redeten oder unser heißgeliebtes Online-Gruppenspiel „Gartic Phone“ spielten.
War anfangs die Arbeitsmoral groß und wurden regelmäßig Videos hochgeladen, ließ dieser Effekt von Monat zu Monat nach – im Mai waren wir an einem Tiefpunkt angelangt, es wurden Rufe laut: „Das bringt uns doch eh nichts, wenn wir es nicht aufführen können!“ – Recht hatten sie, und deshalb planten wir einen Livestream. Bis die Zahlen plötzlich rapide sanken. Auf einmal durften wir wieder in der Schule proben, wir konnten ein Mini-Theaterlager Mitte Juni auf Schloss Döben erleben. Viele Dinge, die wir eigentlich schon während besagter sieben Monate erledigen wollten, aber immer eine Ausrede fanden, es nicht zu tun, wurden innerhalb der letzten drei Wochen organisiert: die Kostüme und Requisiten, das Bühnenbild, dieses Programmheft, …
Wir hatten insgesamt also vier Monate Zeit, um effektiv ein Theaterstück auf die Beine zu stellen – das Resultat erleben Sie heute.


Die Theatergruppe

Richard Eißner

Klasse 12
Staatsanwalt Martin

Rollenbiografie:
Martin, Staatsanwalt. – Das ist es doch, was ihr wissen wollt. Als ob Name und Beruf irgendetwas über mich aussagen würden. Aber das versteht man ja hierzulande nicht. Achtbar sei, der arbeite, der so stumpfsinnig zielgerichtet arbeitet, ohne doch ein Ziel zu haben. Die Hoffnung ist es, die die Menschen trotzdem antreibt. Bedenkt man es, könnte sie hohler kaum sein. Sie gedeiht nur, wo Sorge und Angst herrschen. Aber gerade dort gedeiht sie – ohne Rechtfertigung und entgegen aller Vernunft. Hoffnung auf den Feierabend, das Wochenende, diese jämmerliche alltägliche Hoffnung. Verflucht sei sie dafür, den Menschen den Willen genommen zu haben! Arbeit als Tugend, als Ersatz für die Freude… Vor einem Staat, dem es gelungen ist, das seinen Bürgern einzureden, muss man sich voller Abscheu verneigen.

Selbst ich, der ich es erkannt habe, arbeite wie ein Tier und fühle mich so behandelt. Es ist perfide. Von Urlaub, von Santorin konnte ich nur träumen.

Hunderte Fälle habe ich verhandelt; Schadensersatz und Vertragsbruch, Diebstahl und Körperverletzung, Betrug und Raubmord. Und alle haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie sind gleich. Immer hatte jemand einen Grund, etwas zu tun. Dieses Tun hat einen anderen in irgendeiner Weise geschädigt, was zum Gerichtsprozess geführt hat.

Jetzt aber führe ich die Anklage gegen einen Mann, einen siebenunddreißig-jährigen Bankangestellten, der laut eigener Aussage und umfassender Ermittlung keinerlei Motiv für einen Mord hatte, einen Mord, den er trotzdem begangen hat. Und es gibt Stunden, wo ich ihn begreife…

Jette Dietze

Klasse 11
Hilde/Inge/Coco

Helene Börjesson

Klasse 11
Elsa

Richard Schulze

Klasse 10
Dr. Hahn/Kellner

Tessa Dietze

Klasse 11
Mörder

Ella Aljiew

Klasse 9
Wärterin/Polizistin

Jule Jackisch

Klasse 12
Hellseherin/Fahrer/Kulturträgerin

Ferdinand Heidecker

Klasse 10
Innenminister/ Student/ Köhler/ Gäste

Rollenbiografie (Innenminister):
In einer Welt, die sich so schnell verändert wie nie zuvor, ist es meine Aufgabe, den aufrichtigen, besorgten Bürgern unseres Landes eine Stimme zu geben. Niemand weiß, wo meine politische Karriere begann, ich bin ein Urgestein unserer Politik und nun bekleide ich mit Stolz eine der wichtigsten politischen Positionen, die des Innenministers. Als solcher obliegt es mir, die Ordnung zu bewahren und genau das gedenke ich zu tun, koste es, was es wolle.
In der Vergangenheit habe ich Rebellionen gesehen und Rebellionen zerschlagen, ich weiß in diesem Krieg zu kämpfen, weiß, dass es heißt: Sein oder Nicht-Sein, nicht nur für mich, sondern für den ganzen Staat, den ich zu schützen versuche.

Henrike Thauer

Klasse 12
Mutter/ Kommissar/ Staatspräsidentin/Köhler

Rollenbiografie (Staatspräsidentin):
Sie fragen sich sicherlich, wie mein Name lautet, wie alt ich bin oder wo ich herkomme. Sämtliche Antworten auf jegliche dieser Fragen werden Ihnen jedoch verwehrt bleiben.
Alles, was Sie wissen müssen ist, dass ich die Staatspräsidentin dieses Landes bin, und das schon seit vielen Jahren. Ich habe während meiner Amtszeit viele Höhen und Tiefen, Revolutionen und Niedergänge erlebt und diese Erfahrungen haben mich als Frau in den Machenschaften der Politik sehr weit gebracht und vieles gelehrt.
Über die Jahre habe ich mich entsprechend an mein Umfeld angepasst. Ich bin immer pünktlich, stets vorbildlich gekleidet und kann in jeglichen Situationen die Contenance bewahren. Schauen Sie in mein Gesicht, so werden Sie nur dann etwas darin lesen können, wenn ich es zulasse. Das verschafft mir eine große Überlegenheit gegenüber meinen Mitstreitern oder Gegnern.
Die Politik ist ein Spiel um die Macht und wir stellen lediglich schwarze und weiße Schachfiguren darauf dar. Wer die Spielregeln nicht beherrscht, wird gnadenlos untergehen. Daher ist es kaum verwunderlich, dass sich schon viele Männer im gierigen Wettstreit um Einfluss die Finger verbrannt haben. Dem werten Herrn Doktor – oder Graf Öderland, wie er sich nennt – wird es kaum anders ergehen. Wenn Sie wachsam genug waren und zwischen den Zeilen lesen konnten, dann haben Sie hier eine Chance im Kampf zwischen Freiheit und Macht…

Max Lange

Klasse 9
Vater/Direktor/Köhler

Tim Pörschmann

Klasse10
General/Sträfling/Boy/Köhler

Caroline Röder

Klasse 11
Concierge/ Kulturträgerin/ Frau Hofmeier/ Köhler

Laurenz Heidecker

Klasse 8
Souffleur

Elisabeth Remane

Klasse 12
Regie/ Leitung


Gedanken zum Stück

Warum einer zum Mörder wird

Der Mensch denkt ganz intuitiv in kausalen Zusammenhängen. Das unterscheidet ihn von Maschinen. Für Menschen ist es vollkommen selbstverständlich, Ursache-Wirkungs-Ketten herzustellen: Der Hahn kräht, weil die Sonne aufgeht. Eine Maschine (die nicht mit einer künstlichen Intelligenz trainiert wurde) kann im Gegensatz zu uns nicht ausschließen, dass die Sonne vielleicht aufgeht, weil der Hahn kräht. Eine Maschine kennt keine Kausalität, sondern nur zwei Ereignisse, die auffällig oft zusammen eintreten.
Der Mensch jedoch kann gar nicht anders, als seine Umwelt zu kausalisieren, d.h. klare Ursachen für alle ihm widerfahrenden Geschehnisse herauszuarbeiten, um damit Ungewissheit zu bannen und die Welt ein kleines Stückchen berechenbarer zu machen. Man nennt das Kontingenzbewältigung. Einige Anthropologinnen meinen, dass wesentliche Kulturprodukte des Menschen, nicht zuletzt die Religion, auf ebendieses Grundbedürfnis nach Minimierung von Ungewissheit zurückzuführen sind. So war es auch stets das Bestreben moderner Literatur, sich bestmöglich in die handelnden Personen einzufühlen, ihre inneren Monologe offenzulegen und die Gründe für ihr Handeln den Lesenden nachvollziehbar zu machen. Das schafft Befriedigung, denn man hat das Gefühl, ein Werk verstanden zu haben. Postmodernes Erzählen hat daran kein Interesse. Postmodernes Erzählen gestaltet sich bewusst unergründlich, kontraintuitiv und labyrinthisch. Es gleicht, so hat es Umberto Eco einmal formuliert, einem Rhizom. Um es ganz konkret zu machen: Postmodernes Erzählen heißt häufig, dass man nicht mehr genau weiß, was und warum handelnde Personen etwas tun. Charaktere werden undurchsichtig, weil die Bindung zwischen Sensorik (dem Handlungsmotiv) und Motorik (der Handlung) gelockert wird. Das gipfele, so der französische Philosoph Gilles Deleuze, in einem „Riss des sensomotorischen Bandes“. Uff. Klingt schmerzhaft, und das ist es auch: Es ist der Abschied vom traditionellen Kausalitätsdenken, das Spiel mit der Unberechenbarkeit, die bewusste Irritation. Warum die lange Vorrede? Graf Öderland ist eine sehr frühe postmoderne Figur. Behaupte ich. Und eigentlich hat das gesamte Stück postmoderne Elemente: einen Mord ohne Motiv, eine Revolte ohne Programm, die Lust an der Transgression und die Loslösung von jedweder ideologisch-weltanschaulichen Bindung. Wie schwer es dem Publikum (und auch den Kritikerinnen) manchmal fällt, diese postmoderne Lesart anzuerkennen, zeigen die ständigen Versuche einer politischen Interpretation des Stückes: Es handle sich um Kapitalismuskritik, weil der Mörder von seiner Arbeit entfremdet wurde, weil Inge in ärmlichen Verhältnissen hausen muss, weil der Staatsanwalt von seiner monotonen Bürgerlichkeit gelangweilt ist. Es gehe um die Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse. Ja. Kann sein. Man kann Graf Öderland politisch lesen, und vielleicht hat Frisch das auch beabsichtigt.
Aber damit degradiert man das Drama zu einem Lehrstück. Man schreibt ihm ein politisches Programm zu und spricht ihm damit implizit den postmodernen Charakter ab. Ich sehe in Graf Öderland weder ein Lehrstück, noch erkenne ich ein Programm. Die Rebellion geschieht nicht gegen etwas, sondern um der Rebellion willen. La révolte pour la révolte.
Für mich ist Graf Öderland in erster Linie der Versuch einer Irritation von hergebrachten kausalen Denkweisen. Gib dem Mord ein nachvollziehbares Motiv und der Rebellion ein glaubhaftes Programm, dann bekommst du modernes Theater und die Leute sind glücklich. Nimm den Leuten diese Möglichkeiten der Kausalisierung, dann wird es postmodern. Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als das Infragestellen intuitiver kausaler Erklärungsweisen von Welt (man nennt das auch intuitive Ontologien).
Der Graf wirkt bedrohlich, weil sein Verhalten unerklärlich ist. Man kann das Stück als eine postmoderne Adaption von Schillers Räubern und all ihrer Revolutionsromantik lesen: Karl wettert gegen das „tintenkleksende Säkulum“ und der Staatsanwalt wirft seine Papiere ins Feuer. Aber im Gegensatz zu Schiller will Frisch nichts erklären, nicht nach Ursachen forschen. Die Frage, warum einer zum Mörder und Rebellen wird, steht im Raum, kann aber weder von der Ehefrau noch vom Gericht noch vom Publikum beantwortet werden.
Schlimmer als das Verbrechen ist immer die Ratlosigkeit über dessen Hintergrund, denn sie erzeugt das Gefühl, dass man das Verbrechen weder hätte verhindern können noch, dass man in der Zukunft davor geschützt ist.

Jakob Eißner (ehemaliges Mitglied)

ein verkanntes Stück?

Eine Moritat in zwölf Bildern auf 92 Seiten. Ein Staatsanwalt mit Alter Ego, ein Mörder ohne Motiv, ein System im Umbruch sowie eine Axt.
Ich habe mich gefragt, warum ausgerechnet dieses Stück ausgewählt wurde und je länger ich darüber nachdenke desto deutlicher wird es. Die Bildsprache dieses Werkes ist eindrücklich, die Thematik ist höchstbrisant und die Parallelen zu Heute sind gerade zu erschreckend. Ein Staatsanwalt erlangt die Erkenntnis über ein Mordmotiv, mit verheerenden Folgen. Mit einer Axt schlachtet er sich nun durch die Schichten der Gesellschaft und bringt all jene zum Fall, welche lügen und betrügen. Inmitten dieses Gemetzels keimt Hoffnung auf eine bessere Zukunft bei all denen, welche die Revolution tragen, den „einfachen“ Leuten, auf.

  • Die Axt als Symbol für Zerstörung und Hoffnung? –
    Es steht außer Frage, dass die neuen Generationen Veränderung wollen, aber ist Gewalt dafür die Lösung? „Graf Öderland“ stellt uns genau vor diese Frage. Wollen wir weiterhin treu Dienst nach Vorschrift leisten oder wollen wir ausbrechen und neue Wege gehen? Wollen wir bis zur unabwendbaren Katastrophe warten oder finden wir alternative Lösungen? Wollen wir unsere Fassade aufrechterhalten oder haben wir den Mut unser eigentliches Selbst zu zeigen?

Florian Lange (ehemaliges Mitglied)

Mit der Axt in der Hand

Die Hand führt die Axt, die Axt spaltet das Holz, die Hand führt die Axt, die Axt spaltet das Holz – wenn nun das Holz einmal die Axt spaltet, wird die Hand verwundert zum Gesicht geführt und die Welt ist zumindest ein bisschen aus den Fugen geraten.
Das axtspaltende Holz ist so in der Planung nicht vorgesehen gewesen und seine Existenz äußerst missliebig, ja erfolgsgefährdend.
Auch Menschen wie beispielsweise Bankangestellte oder Staatsanwälte sind in ein Planungskonzept eingebunden, das unvorhergesehene Spaltprozesse nur wenig schätzt, gar ablehnt. Sie waren es vermutlich sogar schon, bevor sie Bankangestellter oder Staatsanwalt wurden. Ein ganzer Korpus feinmaschiger Netze ist ab der Geburt über sie gesponnen. Gesellschaft, Produktionsprozess und jeweiliger moralischer Überbau verlangen, beachtet und befolgt zu werden und wer sich unbedacht bewegt, wird sich verfangen und an die Grenzen seiner Bewegungsfreiheit kommen.
Jedes menschliche Verhalten steht im Austausch zu den an es gerichteten Erwartungen, seien sie nun tatsächlich-persönlich oder abstrakt-institutionalisiert und eine ganze Menge unterschiedlicher Faktoren bestimmt, wieviel Bewegungsfreiheit zugestanden ist. Jedes Unterlaufen der Erwartungshaltung wird zwangsläufig zum Kontakt mit der Enge des Netzes führen und es bedarf einer gewissen Stärke und Kraft des Verstoßes, um das Netz tatsächlich zu zerreißen. Die Axt, die einen anderen Menschen tötet, entwickelt zweifellos diese Kraft und befördert die führende Hand ins Außerhalb.
Es muss nicht jeder, der sich eingeengt fühlt, um des Platzschaffens Willen zum Axtmörder werden. Es stellt sich ohnehin die Frage, ob eine gegenständliche Axt bei so unkörperlichen Dingen wie vielschichtigen Erwartungen und Verpflichtungen ein geeignetes Werkzeug darstellt. Nur dass ein solches gebraucht wird, ist gewiss. Bei Fesselungen führen ruckartige Bewegungen häufig zu einer Verschlimmerung und erst die Erkenntnis, dass und vor allem womit und wie, vielleicht sogar noch warum und wozu man gefesselt ist, hilft bei einer Suche nach Auswegen entscheidend weiter. Dieses Werkzeug sollte man stets griffbereit oder in der Hand haben, denn man weiß nie, wann man sich freischneiden muss.


Jonathan Heidecker (ehemaliges Mitglied)


Danksagung

Diese Stückaufführungen wären ohne die Hilfe vieler Menschen nicht möglich gewesen.

In erster Linie danken wir unserem neuen Schulleiter Herrn Schrempel für das entgegengebrachte Vertrauen sowie die große Unterstützung und stetige Hilfsbereitschaft bei der Planung einer Corona-konformen Veranstaltung.

Ohne Frau Philipp, die wie jedes Jahr unser beeindruckendes Plakat gestaltete, wäre die Werbung für das Stück sehr trist geworden.

Frau Locke danken wir für Ihren Beitrag im Rahmen des GTA-Programms.

Ein weiterer Dank gilt unserer Schulassistentin Frau Wolf für die Erstellung von Datenschutzformularen für unsere (bald online gehende) Website theater.augustin.ga sowie unserer neuen Sekretärin Frau Schöpke für stete Geduld und Hilfsbereitschaft, wenn wir das dritte Mal am Tag nach dem Aula-Schlüssel fragten. Selbiges gilt für unseren Hausmeister Herrn Mokulies, der wegen Schlüsseln, Akkuschraubern, verschollenen Requisiten und noch viel mehr fast jeden Tag der letzten Woche von uns kontaktiert wurde.

Der Tischlerei Zwalina danken wir für die Fertigstellung unserer Holz-Axt.

Unser Theaterstück hätte schauspielerisch keine gute Qualität gehabt, wenn uns die Familie von Below nicht über ein Wochenende in ihrer Alten Brauerei auf Schloss Döben hätte proben lassen.

Ein besonderer Dank gilt den Ehemaligen unserer Theatergruppe, ohne deren Tipps und Einzeltrainings die schauspielerische Qualität sehr gelitten hätte!

Dass diese Aufführungen in bester Qualität digital festgehalten wurden, stellte Jona Zimmermann sicher.

Ein riesiges Dankeschön gebührt Herrn Beutner und seinen „besten Männern“ von der Technik-AG, namentlich Tamino, Clemens und Leopold, die viel Zeit investiert haben, damit wir auf der Bühne gut beleuchtet und Sie im Publikum ordentlich beschallt werden.

Ein genau so großer Dank gilt unseren Mädchen in der Maske: Sarah, Heidi und Klara, die von Frau Palisch in die Welt des Bühnen-Make-up eingewiesen wurden und deren und Frau Bergers Schminkutensilien wir freundlicherweise nutzen durften.

Außerdem danken wir unseren Familien, die Möbelstücke zur Schule transportierten, uns finanziell unterstützten, Kostüme umnähten, Texte in verteilten Rollen lasen und uns vor allem moralisch beiseite standen.

Zu guter Letzt möchten wir Ihnen, lieber Zuschauer, liebe Zuschauerin, danken, dass Sie die Mühen von Voranmeldung und zusätzlichen Schnelltests nicht scheuten, um uns heute hier zuzusehen.

Danke!