Macht die Schule digital

Hurra, hurra, die Schule hat endlich ein WLAN-Signal

Gerüchten zufolge soll es unter politischen Entscheidungsträgern eine verschobene Definition von der Digitalisierung des Bildungswesens geben: Wenn man Schülern erlaubt, an einem Laptop zu schreiben, sei das ein Digitalkonzept. Eigentlich ein Schritt für die Zukunft, der wegen der pandemischen Situation und den Schulschließungen etwas nach vorne gezogen worden sei. Denn schließlich sei es ja fast schon wagemutig gewesen, die Lernenden an weiterführenden Schulen einen solchen Schritt gehen zu lassen, aber Schaden hat es ja ganz offensichtlich nicht angerichtet.

Jeder, der eine Schulklasse innerhalb des letzten Jahres von innen gesehen hat, wird ein verändertes Bild wiederfinden: Anstelle der klassischen Schreibmethode sind bei einer zunehmenden Zahl der Schüler mittlerweile wahlweise Laptops oder Tablets getreten. Leider muss man feststellen, dass der Status-Quo dieser Schüler aus Sicht einiger Politiker, vor allem aus der CDU, bereits vollständige Digitalisierung sei. Mehr bräuchte es nicht, schließlich kann ja jetzt jeder (,der es sich leisten kann oder will) tippen und muss nicht mehr mit der Hand schreiben. Doch dabei verkennen sie eindeutig, was das Ziel der Schulen sein sollte: Jeder Schüler, egal mit welchem Abschluss er seinen schulischen Bildungsweg beendet, muss bestmöglich darin geschult sein, die Möglichkeiten der Technik nicht nur in ihren Grundzügen zu verstehen, sondern auch gezielt zu nutzen, ohne sich dabei z.B. von der Informationsflut des Internets erschlagen fühlen zu müssen.

Eventuell wäre es ja schon einmal hilfreich, wenn man die Gelder, anders als beim Digitalpakt, wenigstens so unbürokratisch zur Verfügung stellt, dass die dringend benötigten Fördermittel für die Bildungseinrichtungen kurzfristig abrufbar sind. So könnte man wenigstens für genügend Chancengleichheit sorgen, dass jeder Schüler und jede Lehrkraft ein in angemessener Geschwindigkeit arbeitendes Endgerät zur Verfügung gestellt bekommt.

Solch ein Laptop oder Tablet sind zwar sicherlich grundsätzlich erfreulich, doch lässt man sie leidglich als Alternative zu Stift und Papier vor den Schülern rumstehen, hätte man sie besser gleich aus Schulen verbannt, weil sie so keinen wirklichen Mehrwert bieten. Sie sind nur ein notwendiges Fundament, auf das aufbauend es aber bereits einfache und finanzierbare Lösungen gibt. Ein Beispiel von vielen ist sicherlich die von zwei jungen Gründern aus Deutschland angebotene Nachhilfelösung von „SimpleClub“. Ihr Angebot oder vergleichbare Ideen, mit Lernvideos inklusive anschließender Übungen den Unterrichtsstoff zu vertiefen, würde sich für einen aus öffentlichen Geldern finanzierten kleinen Obolus für alle Schüler zur Verfügung stellen lassen und einen ersten Schritt darstellen, den Geräten einen tiefergehenden Sinn zu geben.

Doch selbst solche Maßnahmen, die die institutionelle Bildung durchaus sinnig ergänzen könnten, schulen noch keine notwendige Medienkompetenz. Ein erster Schritt dazu wäre ein in allen Bundesländern von Klasse fünf bis zehn verpflichtender Informatikunterricht, der aber weniger den Fokus auf stures Programmieren legt, sondern in wohlüberlegter Kombination mit anderen Unterrichtsfächern zeitgemäße Ausarbeitungs- und Präsentationsfähigkeiten unter Nutzung neuer Medien unterrichtet. Dafür könnte Projektarbeit, wie beispielsweise die Gestaltung einer Website, mit Inhalten aus diversen Unterrichtsfächern, wie Deutsch, Kunst bzw. Gestaltung, Geschichte o.ä. dienlich sein, bei der Schüler neben Pflichtaufgaben zur Vermittlung notwendiger Inhalte auch die Möglichkeit hätten, wahlweise die Inhalte zu vertiefen oder zu gestalten. Wirklich tiefgehende Konzepte könnten die Pädagogen erarbeiten, wenn man sie denn nur endlich mal mit Aussicht auf flächendeckende Umsetzung lassen würde. Das dies äußerst vielversprechend ist, zeigen recht bekannte Beispiele, wie Tim Kantereit oder Björn Nölte, die teilweise unter günstigen Bedingungen solche Konzepte erproben konnten.

Dennoch, Faktenwissen ist und bleibt notwendig, auch wenn manche der Digitalisierungsfanatiker das gerne aus ihrer Realität streichen würden. Der Mensch kann nicht zu Gunsten von Plattformen wie Google das Lernen verlernen, ohne in Gefahr der zu hohen Technikabhängigkeit im Alltag zu geraten. Aber einige Formate bei denen inhaltliches, nicht methodisches, Wissen ohnehin eine geringe Rolle spielt, könnte man sofort mit den hoffentlich bald in Schulen verfügbaren Geräten umgestalten. Ist beispielsweise das Schreiben eines journalistischen Textes gefordert, wäre es nicht notwendig für die Schüler eine Vorauswahl an Material für seine Arbeit vorzulegen. Stattdessen sollte explizit gefordert sein, dass aus dem Internet ergänzende Fakten eingearbeitet werden. Bestenfalls schaut der Schreibende in diesem Beispiel direkt bei Zeitungen und versucht den Stil der Autoren zu kopieren. Selbst wenn er dabei nur eine neue Erkenntnis gewonnen hat, ist es besser, als wenn er immer und immer wieder vorherige Fehler wiederholt. Übrigens würde es dann auch der realistischen Arbeitsweise eines Journalisten entsprechen, schließlich kann dieser ja auch recherchieren, wo und wie oft er es für angemessen hält.

Mit der immer mehr aufkommenden digitalen Lebenswirklichkeit wäre das Ignorieren dieser ein schwerwiegender Fehler. Die Bildungseinrichtungen müssen geschickt Bewährtes und Neues kombinieren, zweifelsohne sollte dabei nicht alles nur aus Prinzip digital werden. Dafür ist es allerdings absolut notwendig, dass sich ein Teil der Politiker ihr eigenes Fehlverständnis eingesteht und stattdessen den Pädagogen und zum Teil auch Schülern, finanziell und ideell die Möglichkeiten eröffnet, Lernen neu denken zu können. Sollte sich jetzt jemand erdreisten zu behaupten, es würde zu viel kosten, der sei nicht nur an die 630 Millionen Euro jährlicher deutscher Entwicklungshilfe an China, sondern vor allem an die Worte des ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedys erinnert: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung.“ Und Deutschland kann es sich zweifelsohne nicht leisten, digitales Entwicklungsland zu bleiben, wenn es weiterhin führende Industrienation bleiben möchte.

Lucas Gunia

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