Homosexualität – die natürlichste Nebensache der Welt

Jeder von euch kennt doch mindestens eine Person, die homosexuell ist. Aber ist Homosexualität eine Krankheit? Sollte man solchen Leuten sagen, dass sie eventuell unnormal seien? Und wie viele „nicht-heterosexuelle“ Menschen gibt es überhaupt?

Im folgenden Artikel möchte ich diese Fragen klären und ein für alle Mal klarstellen, warum es eigentlich vollkommen unnötig ist, dass man Homosexuelle und andere ausgrenzt.

Fangen wir mit dem Wichtigsten an: Man hört immer wieder, dass Homosexualität nicht natürlich sei. Stimmt das?

Nein, denn es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass es im Tierreich sehr häufig gleichge-schlechtlichen Sex gibt.1 (Bailey, Z. 1) Aber auch gleichgeschlechtliche Beziehungen sind nichts Besonderes; z. B. bei Vögeln oder bei der Menschenaffenart der Bonobo-Affen. Bei mehr als 450 verschiedenen Tierarten wurden homosexuelle Beziehungen entdeckt!2 (Ganschow, Abs. 4, Z. 3 f.)

Schön und gut mit den Tieren, aber wie sieht es jetzt mit den Menschen aus? 

Auch bei uns ist Homosexualität etwas ganz Natürliches.

Also wir Menschen haben zum Großteil dieselbe DNA, was nicht sehr überraschend ist, da wir alle zur selben Spezies gehören.

Interessant sind also nur die Teile unserer DNA, die unter uns unterschiedlich sind. Diese Stellen heißen SNP’s [‚snipp‘ ausgesprochen] und wenn man also etwas über die genetische Veranlagung von Homosexualität wissen will, dann schaut man sich die SNP’s an.

Das hat eine Studie aus dem Jahre 2019 gemacht. Die Wissenschaftler:innen konnten die SNP’s aber nur in Verbindung mit homosexuellem Geschlechtsverkehr bringen, da einfacher ist zu sagen, ob jemand schon mal mit gleichem Geschlecht Sex hatte als zu definieren, ab wann jemand schwul oder lesbisch ist. Also teilten die Forscher:innen die Angaben in zwei Gruppen ein: Noch nie Sex mit dem gleichen Geschlecht gehabt und schon mal Sex mit dem gleichen Geschlecht gehabt (einmal oder mehrmals).

Und die Forscher:innen kamen zu einem erstaunlichen Ergebnis!

Manche SNP’s (Teile unserer DNA) stehen statistisch signifikant mit homosexuellem Verhalten in Verbindung bzw. mit der 2. Gruppe.3 (Ganna et al., Abs. 5, Z. 1). 

Es gibt kein direktes „Homo-Gen“ in uns, aber homosexuelles Verhalten (im Sinne vom Sexverhalten) hängt von sehr vielen unserer Gene ab.

Homosexualität ist natürlich (also gehört zur Natur) und ist keine Entscheidung einer Person.4 Es ist von Geburt an festgelegt, dass jemand homosexuell ist.

Viele Menschen sind auch der Meinung, dass Lesbisch- oder Schwulsein „nicht normal sei“.

Aber was heißt eigentlich normal?

Der Duden sagt, normal ist „so, wie es sich die allgemeine Meinung als das Übliche, Richtige vorstellt.“ 5

Die Dudenautoren sagen aber auch, dass man „das Wort normal im öffentlichen Sprachgebrauch nicht mehr [verwenden sollte]. Das gilt [auch], wenn es als Gegensatzwort zu […] heterosexuell gemeint ist.“ 6

Also bleiben wir dabei, dass etwas normal ist, wenn es sich die „allgemeine Meinung als das Richtige vorstellt“. 

Was sagt denn die Allgemeinheit?

In einer Erhebung der Europäischen Kommission sprachen sich 70% der Deutschen dafür aus, homo- und bisexuellen Menschen (Bisexuelle können sich in Jungs und Mädchen verlieben <3) die gleichen Rechte wie heterosexuellen Menschen zu gewähren.7 (European Commission, 2015)

Und weil wir alle so sehr Mathematik lieben, hier gleich noch eine Zahl:

Laut einer Bonner Studie von 2016 fanden es nur knapp 16 % der Befragten ekelhaft, wenn sich Homosexuelle küssen.8 (A. Zick, B. Küpper, D. Krause, 2016)

Wenn also die Mehrheit der Deutschen für die Gleichberechtigung von Homo- und Bisexuellen ist und es nur so wenige ekelhaft finden, wenn sich zwei Jungs oder Mädchen küssen, dann würde das nach der Definition heißen, dass Homosexualität tatsächlich normal ist!

Aber hier das ganze Mal aus der Sicht einer homosexuellen Person:

Wenn sich eine Frau und ein Mann küssen, finden wir das auch befremdlich, aber definitiv nicht ekelig und wir rufen deswegen nicht gleich „Schlampe“ oder „Arsch“.

Auch wenn euch ein Kuss zwischen zwei Jungs oder Männern befremdet, müsst ihr das nicht in Wörtern wie „Schwuchtel“ zum Ausdruck bringen. Denn hat euch schon mal ein Schwuler beleidigt? Sehr wahrscheinlich nicht, denn fast alle queeren Menschen (queer ist wie ein Fachwort für alle „Nicht-Heteros“) wissen, dass die Sexualität kein Grund für Beleidigungen ist und dass eure Sexualität niemanden weiter etwas angeht.

Manche Leute sollten aufhören so egozentrisch zu sein.

Nur weil diese Leute etwas stört, heißt das nicht, dass es auch schlimm ist. Und ein Grund andere zu beleidigen, ist Homosexualität auch nicht.

Abgesehen davon ist schwul nichts Schlechtes und auch kein Schimpfwort, da es genau so ein normales Wort wie z.B. lesbisch oder Sexualität ist. Es ist prinzipiell kein negativ konnotiertes Wort und deswegen sollte es auch nicht als ein solches verwendet werden.

„Du bist nicht normal“, „Es ist nicht natürlich.“ Doch, das bist du. Doch, das ist es.

Leider kann das aber nicht jeder von sich sagen.

Man hat herausgefunden, dass in den letzten Jahren in den USA der Anteil der Selbstmorde von queeren Jugendlichen, die auch noch Mobbing ausgesetzt waren, zu der Gesamtzahl an jugendlichen Selbstmorden bei fast 21% liegt.9 

Diese Jugendlichen haben sehr wahrscheinlich jeden Tag hören müssen, dass sie krank oder unnormal seien. Dabei gibt es doch genug Beweise, die zeigen, dass Homosexualität – und auch Transsexualität – ganz natürlich und vollkommen in Ordnung sind.10 (Transsexualität bedeutet, dass man als Junge oder Mädchen geboren wird, sich aber als das jeweils andere Geschlecht fühlt.)

Zusammenfassend kann man sagen, dass 21% der jugendlichen Selbstmorde in den USA hätten verhindert werden können, wenn man den Jugendlichen nicht so einen Nonsens zu ihrer Sexualität erzählt hätte oder wenn es zumindest Menschen gegeben hätte, die gegen diese Diskriminierung argumentieren.

Wenn es nach uns queeren Leuten geht, dann ist die Sexualität nicht wichtig und Mobbing gegen diese Jugendlichen und allgemein Diskriminierung aufgrund der Sexualität gäbe es nicht mehr.

Aber wer sind denn „wir“?

Ungefähr 7% der Deutschen sind nicht heterosexuell.11 D.h. statistisch gesehen sind 2 Personen in eurer Klasse und einer eurer Lehrer nicht heterosexuell. 

Und wenn es so viele Leute sind, ist das dann immer noch „nicht normal“?

Ihr wisst von diesen Leuten nur nichts, weil es beispielsweise für den Deutschunterricht egal wäre, wenn eure Lehrerin eventuell pansexuell sei. (Pansexuell heißt einfach nur, dass bei der Partnersuche das Geschlecht keine Rolle spielt.)

Oder in anderen Worten: Wenn euch ein Mitschüler anbietet, für euch die Latein- oder Physik-Hausaufgaben zu machen, sagt ihr dann „Nein, ich muss erst wissen, ob du hetero bist!“ ? 

Sicherlich nicht, da es in dieser Situation nicht wichtig ist.

Queere Menschen (also alle „Nicht-heteros“) sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Diese Menschen wird es immer geben und das klingt zwar besonders; ist es aber nicht. Denn für uns spielt es keine Rolle, welche Sexualität unser Gegenüber hat. Es ist nur wichtig, dass wir alle auf Augenhöhe und damit niveauvoll miteinander umgehen, denn so kann man nicht nur ein besserer Mensch werden, sondern auch noch das Leben von vielen Jugendlichen schützen. Und wenn ihr queeren Leuten erst einmal eine Chance gebt, merkt ihr auch ganz schnell, dass die sexuelle Identität (z.B. Transsein) oder die Sexualität eine kleine Nebensache ist. Eine normale, natürliche Nebensache.

Literaturverzeichnis

1 Bailey et al. 2016, Psychol Sci Public Interest, 17(2):45-101, 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19539396

2 Ganschow, 2017, „Sex im Tierreich“, planet-wissen.de, Abs. 4, Z. 3 f., Zugriff am: 23.08.2020

https://www.planet-wissen.de/natur/tierwelt/sex_im_tierreich/index.html#homo

3 Ganna et al., 2019, in Science, Vol. 365, Abs. 5, Z. 1

https://science.sciencemag.org/content/365/6456/eaat7693

4 Nguyen-Kim, auf „maiLab“, „Die Erblichkeit von Homosexualität“, veröffentlicht am 15.12.2019, 12:43 – 13:12, https://www.youtube.com/watch?v=C6OR82i2hA4

5 Bedeutung, 1. b), 20.8.2020,

https://www.duden.de/rechtschreibung/normal

6 Bedeutung, 2., Abs 2., 20.8.2020,

https://www.duden.de/rechtschreibung/normal

7 European Commission, 2015, Discrimination in the EU in 2015: Report, Special Eurobarometer, Zugriff am 26.10.2016, verfügbar unter http:// ec.europa.eu/COMMFrontOffice/publicopinion/index.cfm/ResultDoc/ download/DocumentKy/68004 

(aus Küpper et al., „Einstellungen gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen in Deutschland“, Seite 46, Abs. 3, https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/Umfragen/Umfrage_Einstellungen_geg_lesb_schwulen_und_bisex_Menschen_DE.pdf?__blob=publicationFile&v=2)

8 A. Zick B. Küpper D. Krause, (2016). Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016. Hrsg. von R. Melzer & D. Molthagen für die Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn: Dietz

9 Clark et al., online veröffentlicht 2020, in JAMA Pediatr.”,

https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/article-abstract/2766457

 (Zahlen aus: Dennis Klein, 27.05.2020, https://www.queer.de/detail.php?article_id=36211)

10 8:52 – 8:58, https://www.youtube.com/watch?v=YwwHAVk0SQ8

11 Fred Deveaux, 2016, Dalia,

https://daliaresearch.com/blog/counting-the-lgbt-population-6-of-europeans-identify-as-lgbt/

Bildquelle:

J. Sessler, 2019, Zugriff am 21.11.20, https://pixabay.com/de/photos/pride-stolz-pride-day-regenbogen-4281709/

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